10. November 2020

Sie leiden gerne? Dann sind diese 6 Strategien nichts für Sie.


Sie leiden gerne und am liebsten in Konflikten? Verstehe ich! Aufmerksamkeit und Mitgefühl sind etwas Angenehmes. In diesem Fall lassen Sie Ihren Konflikt am besten eskalieren. Wenn Sie für langes Streiten jedoch weder Zeit noch Lust haben, teile ich hier ein paar Ideen und Strategien für kürzere Leidenswege.


Kennen Sie das?

Ihr Gesprächspartner geht Ihnen auf die Nerven. Seine Argumente haben weder Hand noch Fuß. Am liebsten würden Sie aufstehen und gehen oder Schlimmeres. Blöd ist, wenn von diesem Gesprächspartner wichtige Entscheidungen, Projekte oder Ihr berufliches Schicksal abhängen. In diesem Fall gibt es einige Strategien, die Sie für sich nützen können. Manche davon wirken sofort, andere können Sie mittelfristig anwenden.

In jedem Fall gilt: Deeskalation ist eine gute Idee. Weitere Eskalationen eines Konflikts bringen nichts außer mehr Schaden. Ein Konflikt ist nämlich nichts anderes als eine Information. Eine Information darüber, dass es Entwicklungsbedarf gibt. Weiter zu streiten macht es schwieriger, aus dieser Information die richtigen Schlüsse zu ziehen. Beschäftigen wir uns also damit, wie Sie weniger streiten und den Konflikt schneller nützen.

1. Analysieren Sie den Konflikt

Überlegen Sie sich, warum der oder die andere so agiert, wie er oder sie es tut. Welche Gründe hat er oder sie? Welche Bedürfnisse stehen dahinter? Mit welchen Rahmenbedingungen ist die andere Konfliktpartei konfrontiert, die sie nicht ändern kann? Ändert das etwas für Sie? Wie sieht das umgekehrt bei Ihnen aus? Dieses strukturierte "Hinter-die-Kulissen-schauen" kann den Blickwinkel und die Handlungsoptionen erweitern.

Versuchen Sie Ihre Emotionen zu verstehen und in den Griff zu bekommen. Dabei ist das Ziel nicht, Ihre Emotionen "wegzumachen" - Wut, Angst und andere sind genauso wie Ihr Konflikt Informationen, die wichtig sind. Das Ziel ist, Ihre Emotionen so zu steuern und auszudrücken, dass sie Ihnen nicht schaden. Emotionen werden übrigens durch Gedanken verursacht. Also: Welchen Gedanken haben Sie und welches Gefühl löst das aus? Sich über diese Vorgänge bewusst zu werden, hilft, Emotionen konstruktiver einzubringen. Sie dürfen ruhig sagen, wenn Sie sich ärgern, nur wie Sie das tun, ist entscheidend.

Relativieren Sie: Fragen Sie sich, wie wichtig das Thema in fünf Jahren noch sein wird. Wie werden sie dann darüber denken? Ist das Thema so wichtig, dass Ihre größeren Ziele dadurch beeinflusst werden können? Dazu übrigens sehr schön von Vera Birkenbihl in einem Video das Konzept des Fixsterns (ab 03:30). Größere Ziele können persönliche, aber auch strategische Ziele der Organisation sein. Wenn Sie sie haben, regt Sie Ihr aktueller Konflikt vielleicht nicht mehr so auf.

Zusätzlich können Sie Ihre psychische Widerstandsfähigkeit trainieren. Mir hilft Sport, frische Luft, Gartenarbeit und Austausch mit Freunden. Und Ihnen?

Mittelfristig wirken auch Konflikt- und Kommunikationstrainings sehr gut. Das Konzept der gewaltfreien Kommunikation ist weit verbreitet und eines von vielen Tools, das Ihre Kommunikation verbessern kann. Von Schopenhauers "die Kunst, Recht zu behalten" rate ich hingegen eher ab 🙂

2. Bereiten Sie sich vor

Das klingt selbstverständlich, ist es aber nicht. Die meisten von uns sind aus Zeitmangel schon einmal völlig planlos in eine Besprechung gegangen. Das ist kein Beinbruch, das passiert. Wenn es aber um Konflikte geht, kann sich das sehr unangenehm auswirken.

Ich erlebe immer wieder, dass Konfliktparteien schlecht vorbereitet in Gespräche gehen. Schlechte Vorbereitung zeigt sich in unzähligen Formen: Sie kennen etwa ihren wirtschaftlichen Spielraum nicht und haben deshalb keine Ahnung, was möglich ist. Die Fragen, die es zu klären gilt, sind im Unternehmen nie gestellt worden und belastbares Zahlenmaterial fehlt. Oder es werden unbedachte E-Mails geschrieben, die den Konflikt weiter anheizen. Bereiten Sie sich deshalb auf ein konfliktbehaftetes Gespräch so vor wie auf ein wichtiges Verkaufs- oder Vorstellungsgespräch.

Es gibt unzählige Möglichkeiten, durch schlechte Vorbereitung die Konfliktkarre an die Wand zu fahren. Also überlegen Sie sich, was Sie alles wissen müssen, um auf ein Gespräch mit dem Gegenüber gut vorbereitet zu sein. Sind es wirtschaftliche Faktoren, die wichtig sind? Müssen Sie andere Informationen sammeln? Sind strategische Überlegungen ein Thema? Können Sie den Konflikt vielleicht sogar nützen, um langfristige Ziele zu erreichen? Willkommen in der Königsklasse! Wie diese Liste bei Ihnen aussieht, wissen Sie selber am Besten. Erweitern Sie sie individuell.

3. Erarbeiten Sie Verhandlungsspielraum

Wenn Sie mit den gleichen Argumenten und Strategien in ein Gespräch gehen, dass schon einmal schief gelaufen ist, lassen Sie es. "Mehr vom Gleichen" führt in der Regel nicht zu "mehr von dem was ich will". Vielmehr sollten Sie sich überlegen, welche Nebenschauplätze und zusätzlichen Angebote Sie weiter bringen könnten. Gibt es etwas, was Sie abseits des Konfliktthemas anbieten können oder gerne hätten, so dass ein Tausch stattfinden kann? Können sie das Spielfeld erweitern?

In den aktuellen Miet- und Pachtzinskonflikten könnte das zum Beispiel eine Verlängerung des Mietvertrags oder die Erweiterung von Rechten des Mieters gegen Zahlung von mehr Mietzins sein. Der Vermieter könnte endlich die alte Eingangstüre zum Geschäft sanieren oder Sie könnten gemeinsam flexible(re) Mietzinszahlungen erarbeiten. Das nennen wir Mediatoren dann "überraschende Lösungen". Lassen Sie sich etwas einfallen, um Ihren Verhandlungsspielraum zu erweitern. In Mediationen wird das regelmäßig gemacht und funktioniert. So heben Sie das Gespräch auf die nächste Ebene und kommen aus der Sackgasse.

4. Drohen Sie nicht

Weil ich aktuell beobachte, dass sehr schnell auf rechtlicher Ebene argumentiert wird: Rechtliche Drohgebärden sind nicht hilfreich. Lassen Sie sich von Ihrem Gegenüber nicht dazu verleiten. Eine sehr beliebte Form davon ist "mein Anwalt sagt, dass ich recht habe". Das Ganze wird üblicherweise ergänzt mit einer ausführlichen Erläuterung der eigenen Rechtsposition in schwer verständlicher Sprache. Viele Menschen empfinden rechtliche Argumentationen einschüchternd oder bedrohlich. Deshalb ist das DIE Geling-Garantie für die Konflikteskalation. Sparen Sie sich das besser für den Fall, dass der Gang zu Gericht der letzte Ausweg ist oder Sie aus rechtlichen Gründen gegenargumentieren müssen. Das bedeutet nicht, dass Ihr Anwalt nicht eine wichtige Rolle spielt: Er sollte sich ansehen, was sie schreiben wollen, damit Sie keine Fakten schaffen, die Ihnen später schaden. Wenn Sie über Mediation nachdenken, sorgen Sie frühzeitig dafür, dass Ihr Anwalt eingebunden wird.

Nicht zu drohen ist aber nicht genug: Bleiben Sie unter allen Umständen höflich. Auch wenn Sie es nicht ernst meinen, ist Höflichkeit doch ein erstes Signal des Respekts und der Bereitschaft, zivilisiert zusammenzuarbeiten.

5. Drücken Sie die Stopptaste

So wie damals am Walkman (was, Sie hatten keinen? Ich glaube, Sie sind zu jung, um überhaupt zu streiten :-)). Wenn Sie in einem Gespräch merken, dass alles außer Kontrolle gerät, bitten Sie freundlich um eine spätere Fortsetzung oder schlagen eine Pause vor. Ein paar Schritte an der frischen Luft ändern die Dinge ebenfalls. Ihnen fallen sicher auch noch andere Möglichkeiten ein.

Verschieberitis ist hier erlaubt: Sie müssen nicht auf alles sofort antworten, und dürfen sogar Schweigen (wie ich in Österreich gelernt habe: "einfach mal die Papp'n halten"). Das ist ein alter Verkäufertrick mit Bart: "negative Pfeile vorbei fliegen lassen". Funktioniert sehr oft. Sie dürfen sich Bedenkzeit herausnehmen und eine Entscheidung auf später verschieben, wenn das die Situation erlaubt. Auch wenn Sie die größte Lust haben, zu eskalieren: Das können Sie später immer noch. Nach der Lektüre dieses Artikels werden Sie aber sicher jede Menge bessere Ideen haben.

6. Holen Sie sich Unterstützung

Fragen Sie jemanden, der sich professionell mit Konflikten beschäftigt (damit ist nicht Ihr Ehepartner gemeint :-)). Das sind Mediatoren, aber auch Coaches, Organisationsentwickler und andere Kollegen, die sich mit psychosozialen Themen auseinandersetzen. In größeren Unternehmen gibt es manchmal eine HR Abteilung, die Hilfe anbietet. Der Austausch mit Konfliktexperten bringt nicht nur kurzfristige Hilfe sondern mittelfristig unheimliches Entwicklungspotential.

Je früher Sie das tun, desto effektiver wirkt die Unterstützung. Zum Beispiel, wenn Sie die erste unangenehme E-Mail oder ein schwieriges Telefonat vor sich haben. Jeder Kontakt, den Sie in schwierigen Situationen aufnehmen, sollte überlegt und vorbereitet sein (siehe Punkt 2). Manchmal hilft es auch schon, sich mit Kollegen oder Freunden auszutauschen. Ein Boxsack und eine Nacht drüber schlafen wirkt laut einer Bekannten ebenso deeskalierend.

Fazit

In Konflikten besser zu agieren, ist gar nicht so schwer. Es braucht etwas Hirnschmalz, vielleicht punktuell professionelle Unterstützung, die Hausaufgaben gehören gemacht und Sie sollten für sich (und den anderen) sorgen. Wenn das nicht ausreicht, kann eine Mediation helfen. Sie sehen also: Alles wird gut. Gehen Sie hinaus und nützen Sie Ihre Konflikte!

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Tags

Strategien; Tipps&Tricks


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