TL;DR — Welche vier psychologischen Grundbedürfnisse steuern dein Konfliktverhalten? Nach Klaus Grawe: Lustgewinn/Unlustvermeidung treibt Konfliktvermeidung, Bindung steuert Beziehungspflege und Harmoniesucht, Selbstwerterhöhung verstärkt Reaktionen auf Kritik, Orientierung/Kontrolle bestimmt Reaktion auf Unsicherheit. Werden sie verletzt, eskalieren Konflikte reflexhaft — Bewusstmachung ermöglicht bewusstes Gegensteuern.
Psychologische Grundbedürfnisse steuern dich, weil du versuchst, sie ständig zu befriedigen - bewusst und unterbewusst. Wenn ich von Bedürfnissen rede, meine ich aber nicht die Bedürfnisse, die Maslow in seiner Bedürfnispyramide dargestellt hat (kennst du sehr wahrscheinlich), sondern die psychologischen Grundbedürfnisse, die Klaus Grawe beschrieben hat.
Erstere sind sehr bekannt, die psychologischen Grundbedürfnisse kennen aber meistens nur Fachleute. Eins haben sie aber gemeinsam: Wenn sie nicht befriedigt werden, geht es dir nicht gut.
Aber das Wichtigste (bei mir geht es ja immer um Konflikte...): In Konflikten ist jedes einzelne dieser Grundbedürfnisse gestört oder nicht erfüllt.
Wenn Grundbedürfnisse im Team verletzt werden, eskalieren Konflikte schnell. Im Programm „Ruhe im Karton" lernst du, diese Dynamiken früh zu erkennen und gezielt gegenzusteuern.
Die 4 Grundbedürfnisse nach Klaus Grawe auf einen Blick
Der Schweizer Psychotherapieforscher Klaus Grawe hat in jahrzehntelanger Forschung vier psychologische Grundbedürfnisse identifiziert, die unser gesamtes Verhalten steuern — auch und besonders in Konfliktsituationen. Werden sie verletzt, entstehen negative Gefühle; werden sie erfüllt, kommen wir in Resonanz und kooperieren.
| Grundbedürfnis | Worum es geht | Typischer Konflikt-Trigger |
|---|---|---|
| Lust & Unlustvermeidung | Angenehmes anstreben, Unangenehmes vermeiden | Unangenehme Aufgaben, unfaire Behandlung, Dauerstress |
| Bindung | Zugehörigkeit, verlässliche Beziehungen, Teil eines Wir | Ausschluss aus Teams, Zurückweisung, fehlende Wertschätzung |
| Selbstwerterhöhung | Stolz auf sich selbst, Anerkennung, Kompetenz spüren | Öffentliche Kritik, übergangen werden, Mikromanagement |
| Orientierung & Kontrolle | Wissen, was läuft, Selbstwirksamkeit, Planbarkeit | Plötzliche Veränderungen, Informationsmangel, Ohnmacht |
Jeder von uns hat diese vier Bedürfnisse — aber unterschiedlich stark ausgeprägt. Wer merkt, welches Bedürfnis bei ihm in Konflikten am häufigsten verletzt wird, versteht seine eigenen Reaktionsmuster plötzlich viel besser.
Was sind die 4 psychologischen Grundbedürfnisse nach Klaus Grawe?
Wer aktiv auf seine Bedürfnisse achtet, ist stabiler und gesünder. In der Mitarbeiterführung zum Beispiel ist es eine gute Idee, die psychologischen Grundbedürfnisse zu beachten. Sind sie erfüllt, entstehen weniger Konflikte und weniger Schwierigkeiten in Unternehmen.
Psychologische Grundbedürfnisse sind aber nicht die einzigen Faktoren, die unser Konfliktverhalten massiv beeinflussen - auch Glaubenssätze und Wahrnehmung sind wichtige Stellschrauben.
Laut Klaus Grawe hat der Mensch vier psychologische Bedürfnisse, die gleichwertig nebeneinander bestehen:
- das Bedürfnis nach Lustgewinn und Unlustvermeidung
- das Bedürfnis nach Bindung
- das Bedürfnis nach Selbstwerterhöhung
- das Bedürfnis nach Orientierung und Kontrolle
Die psychologischen Grundbedürfnisse nach Klaus Grawe - Abbildung aus den Unterlagen meiner Konfliktmanagementtrainings
Werden eins oder mehrere Bedürfnisse nicht erfüllt, geraten wir in ein Ungleichgewicht. Das kann sich durch Stress, Ängste und Süchte zeigen. Wie du merkst, dass ein Bedürfnis nicht erfüllt ist und was du in so einem Fall tun kannst, sehen wir uns gleich mal an.
1. Das Bedürfnis nach Lustgewinn und Unlustvermeidung
Dieses Bedürfnis äußert sich darin, dass wir lusterzeugende Reize suchen und unlusterzeugende Reize vermeiden. Also haben wir eine Tendenz, angenehme Zustände zu verstärken und unangenehme abzuschwächen.
Am Arbeitsplatz versuchen wir deshalb, mühsame Aufgaben zu vermeiden oder hinauszuschieben, während wir Aufgaben, die uns leicht von der Hand gehen und wo wir Erfolge haben, im Nu erledigt sind. Das wäre alles großartig, wenn wir nur Aufgaben zu erledigen hätten, die in die angenehme Kategorie fallen. So einen Arbeitsplatz gibt es aber kaum.
Arbeiten, die Unlust erzeugen, kosten uns ein Vielfaches an Energie, während uns lusterzeugende Arbeiten sogar mit Energie aufladen können. Du tüftelst vielleicht gerne 60 Stunden in der Woche an deinem neuesten Projekt, aber sobald du Spesenabrechnungen oder Schriftverkehr erledigen sollst, bist du schon nach einer Stunde erschöpft, genervt und lustlos.
Wie sich das Bedürfnis nach Lustgewinn und Unlustvermeidung auf dein Konfliktverhalten auswirkt
Dieses Bedürfnis kann dein Konfliktverhalten sowohl negativ als auch positiv beeinflussen. Negativ wirkt es, wenn du unangenehme Aufgaben und Konflikte vermeidest, was irgendwann zu größeren Problemen führt.
Positiv ist es, wenn du lusterzeugende Aktivitäten nutzt, um deine Motivation und Energie zu steigern, was dir hilft, Konflikte proaktiv und konstruktiv anzugehen.
Um dein Konfliktverhalten zu verbessern und dieses psychologische Grundbedürfnis zu befriedigen, versuche, unangenehme Aufgaben schrittweise zu erledigen und Erfolge zu feiern, um ein positives Gefühl zu erzeugen.
2. Das Bedürfnis nach Bindung
Unser Verhältnis zu Bindung wird im frühkindlichen Alter geprägt. Sichere Bindungen entstehen dadurch, dass Bezugspersonen in belastenden Situationen verfügbar sind. Kinder, die überhaupt keine Bindung zu Bezugspersonen erfahren, sterben oder tragen schwere, irreparable Schäden davon.
Fehlende Bindung wirkt sich immens auf unser Wohlbefinden und unsere geistige, wie körperliche Gesundheit aus. Vereinsamte Menschen sind öfter krank und sterben früher. Bindung ist genauso wichtig wie essen und trinken.
Quelle: leitung-supervision.de
In Unternehmen stillen wir unser Bedürfnis nach Bindung in der Zusammenarbeit in Teams und mit Kollegen. Um diese Bindungen zu stärken, kommen diverse Maßnahmen infrage – am besten ist es, auch mal Zeit miteinander zu verbringen, ohne dass diese dem Thema Arbeit gewidmet ist. Das muss nicht zwingen ein Event oder eine externe Veranstaltung sein – gemeinsame Kaffeepausen sind schon ein Anfang.
Wie sich das Bedürfnis nach Bindung auf dein Konfliktverhalten auswirkt
Ein starkes Bedürfnis nach Bindung kann dein Konfliktverhalten negativ beeinflussen, wenn du Konflikte vermeidest, um Harmonie zu wahren - irgendwann explodiert es ja meistens doch und dann ist es noch schlimmer.
Positiv ist es, wenn du durch sichere Bindungen Unterstützung und Vertrauen erfährst, was dir hilft, Konflikte offen und ehrlich anzusprechen.
Verbesserungen kannst du erreichen, indem du Beziehungen zu Kollegen aufbaust und pflegst, auch durch gemeinsame Aktivitäten und offenes Feedback.
3. Das Bedürfnis nach Selbstwerterhöhung
Menschen haben das Bedürfnis, anerkannt und wertgeschätzt zu werden. Wir wollen besonders und bedeutend sein. Das ist in der Psychologie das Bedürfnis nach Selbstwerterhöhung. Du wärst gerne Everybodys Darling? Das ist ganz normal – du versuchst, dein Bedürfnis zu befriedigen (auch wenn du weißt, dass das sehr wahrscheinlich nicht geht).
People want to feel good about themselves. They want to believe that they are competent, worthy, and loved by others.
William Mc Dougall
Psychologe
Wenn das Bedürfnis nach Selbstwerterhöhung nicht befriedigt wird, tun wir fast alles, um gemocht zu werden. Das ist für das Umfeld schnell anstrengend. Auch die umgangssprachlich verankerte „Harmoniesucht“ hat hier ihren Ursprung. Menschen, die übermäßig nach Harmonie streben, empfinden meistens einen Mangel an Selbstwerterhöhung.
Um einschätzen zu können, wo wir hinsichtlich unseres „Werts“ stehen, vergleichen wir uns mit anderen. Die Bilanz kann positiv oder negativ ausfallen, je nachdem, wie wir uns und die anderen wahrnehmen und bewerten. Fällt sie negativ aus, werten wir uns oft innerlich zusätzlich noch ab, was die Negativspirale anheizt – diese Dynamik hat nicht selten Depressionen zur Folge.
Wie sich das Bedürfnis nach Selbstwerterhöhung auf dein Konfliktverhalten auswirkt
Dieses Bedürfnis kann negativ wirken, wenn du ständig Anerkennung suchst und Konflikte vermeidest, um Kritik zu entgehen, was zu Selbstzweifeln und Unsicherheit führt.
Positiv ist es, wenn du durch Anerkennung und Wertschätzung Selbstvertrauen aufbaust, was dir hilft, Konflikte selbstbewusst zu lösen.
Du kannst die Erfüllung dieses Bedürfnisses fördern, indem du dir realistische Ziele setzt und kleine Erfolge anerkennst, um dein Selbstwertgefühl zu stärken.
4. Das Bedürfnis nach Orientierung und Kontrolle
Wir haben gerne den Überblick und wissen, was auf uns zukommt. Das Bedürfnis nach Orientierung und Kontrolle ist ein Bedürfnis nach Sicherheit und auch Autonomie. Wir möchten uns auf andere verlassen können und selbst darüber entscheiden, wie wir unser Leben gestalten. Aber auch über unser Innenleben möchten wir bestimmen – wir wollen verstehen, warum es uns gut oder schlecht geht und wie wir das beeinflussen können.
“Das Kontrollbedürfnis ist ein Bedürfnis, etwas zu können, was zur Herbeiführung und Aufrechterhaltung der eigenen Ziele wichtig ist.
Etwas nicht im Sinne eigener Ziele kontrollieren zu können, stellt eine schwerwiegende Verletzung des Grundbedürfnisses nach Kontrolle dar“.
Klaus Grawe
Psychologe
Das Bedürfnis nach Orientierung und Kontrolle haben wir zwar alle, es ist aber nicht bei jedem Menschen gleich stark ausgeprägt. Während dem die einen sehr genaue Regeln und Rahmenbedingungen brauchen, fühlen sich andere mit mehr Freiheit (und Ungewissheit) wohl.
Viele psychische Störungen hängen mit dem mangelhaft befriedigten Bedürfnis nach Orientierung und Kontrolle zusammen; es kann zu Anpassungsstörungen, posttraumatischen Belastungsstörungen, Angststörungen sowie Zwangsstörungen kommen.
Wie sich das Bedürfnis nach Orientierung und Kontrolle auf dein Konfliktverhalten auswirkt
Ein stark ausgeprägtes Bedürfnis nach Orientierung und Kontrolle führt dazu, dass du in Konflikten starr auf deinen Standpunkten beharrst und Schwierigkeiten hast, Flexibilität zu zeigen.
Positiv wirkt es, wenn du durch klare Strukturen und Erwartungen Sicherheit gewinnst, was dir hilft, Konflikte strukturiert und lösungsorientiert anzugehen.
Du kannst einen Schritt weiter kommen, indem du dir flexible Denkmuster angewöhnst, an deinen Glaubenssätzen arbeitest und offen für neue Informationen bleibst, um deine Kontrollbedürfnisse zu balancieren.
3 Praxisbeispiele: So lösen verletzte Grundbedürfnisse Konflikte aus
Aus meiner Mediationspraxis: Drei typische Fälle, in denen ein einziges verletztes Grundbedürfnis einen ganzen Konflikt erklärt.
Fall 1: Die übergangene Abteilungsleiterin (Bedürfnis: Selbstwerterhöhung)
Eine Abteilungsleiterin erfuhr aus einer Nebenbemerkung, dass eine wichtige strategische Entscheidung in ihrem Bereich ohne sie getroffen worden war. Ihr Konfliktverhalten: Rückzug, schneidende Sachlichkeit, Dienst nach Vorschrift. Nach außen wirkte es wie Faulheit. Dahinter: ihr Selbstwert-Bedürfnis war schwer verletzt — „Ich bin hier nicht wichtig genug." Die Mediation funktionierte erst, nachdem die Geschäftsführung dies benannte und konkret korrigierte.
Fall 2: Der Umstrukturierungsgegner (Bedürfnis: Orientierung & Kontrolle)
Ein sonst ruhiger Teamleiter explodierte plötzlich bei einer angekündigten Reorganisation. Er warf Akten in der Sitzung herum und drohte mit Kündigung. Auslöser war nicht die Veränderung selbst — sondern dass er sie aus dem Flurfunk erfahren hatte. Sein Kontroll-Bedürfnis war so massiv verletzt, dass das gesamte Nervensystem in den Kampfmodus ging. Eine offene Kommunikations-Policy und Einbeziehung lösten den Konflikt innerhalb von zwei Wochen.
Fall 3: Die stille Kündigung (Bedürfnis: Bindung)
Eine Mitarbeiterin zog sich über Monate zurück, ohne dass es einen offensichtlichen Anlass gab. In der Klärung stellte sich heraus: Nach einem Teamwechsel hatte sich ein kleiner Clique-Kreis gebildet, in dem sie nie eingeladen wurde. Das war nicht absichtlich passiert, es hatte einfach niemand darauf geachtet. Der Konflikt war unsichtbar, aber ihr Bindungs-Bedürfnis wurde jeden Tag verletzt. Die Lösung: strukturierte Team-Rituale (gemeinsame Mittagessen, feste 1-on-1s), die Zugehörigkeit systemisch herstellten.
Selbstreflexion: Welches deiner Grundbedürfnisse wird im Job oft verletzt?
Diese vier Fragen helfen dir, dein stärkstes „Verletzlichkeits-Bedürfnis" zu identifizieren. Stell dir jede Frage und achte darauf, bei welcher du am stärksten reagierst:
- Lust & Unlustvermeidung: Wann fühle ich mich am erschöpftesten — nach welcher Art von Interaktion, Meeting oder Aufgabe?
- Bindung: Bei welchem Verhalten von Kolleg:innen spüre ich sofort einen Stich („nicht dazuzugehören")?
- Selbstwerterhöhung: Welche Art von Kritik oder Übersehen-Werden bringt mich aus der Fassung, obwohl objektiv nichts Schlimmes passiert ist?
- Orientierung & Kontrolle: Welche Situation löst bei mir den größten Stress aus, wenn ich sie nicht beeinflussen oder voraussagen kann?
Die Frage, bei der du am stärksten reagiert hast, zeigt dein dominantes Bedürfnis. Wer dieses Wissen einmal hat, reagiert in Konflikten nicht mehr nur automatisch — sondern kann bewusst gegensteuern.
Welches Grundbedürfnis steuert deinen Konflikttyp?
Jeder Konflikttyp schützt unbewusst ein bestimmtes Grundbedürfnis. Das erklärt, warum wir immer wieder in dieselben Fallen tappen — wir verteidigen unser verletzlichstes Bedürfnis mit einer Standard-Strategie. Mehr zu jedem Typ liest du im Konflikttypen-Überblick. Die Typen stammen aus meinem Buch "Bulldozer und Erklärbär", das du auf Amazon findest.
| Konflikttyp | Geschütztes Grundbedürfnis |
|---|---|
| Der Bulldozer | Orientierung & Kontrolle — schafft Klarheit durch Tempo |
| Die Denkmalpflegerin | Orientierung & Kontrolle — durch Regeln und Struktur |
| Die Hakenschlägerin | Bindung — durch Vermeidung von Konfrontation |
| Die Sprengmeisterin | Selbstwerterhöhung — durch leidenschaftliche Verteidigung |
| Der Strippenzieher | Kontrolle — durch strategische Einflussnahme hinter den Kulissen |
| Der Erklärbär | Selbstwert — durch fachliche Überlegenheit |
| Der Wattebäuschchenwerfer | Bindung — um die Beziehung nicht zu gefährden |
Deinen Konflikttyp kennst du? Dann weißt du auch, welches Grundbedürfnis du zu schützen versuchst. Wenn noch nicht: der kostenlose Konflikttypentest zeigt es dir in drei Minuten.
Grawe, Maslow, Stefanie Stahl — was ist der Unterschied?
„Grundbedürfnisse" ist kein einheitlicher Begriff. Drei populäre Modelle konkurrieren:
Klaus Grawe (4 Grundbedürfnisse, 1998)
Der Schweizer Psychotherapeut identifizierte empirisch, welche Bedürfnisse in der therapeutischen Arbeit am häufigsten verletzt werden: Lustgewinn, Bindung, Selbstwert, Orientierung. Sein Modell ist in der klinischen Psychologie und Paartherapie Standard.
Abraham Maslow (Bedürfnispyramide, 1943)
Maslows Pyramide ordnet Bedürfnisse hierarchisch: physiologisch, Sicherheit, Zugehörigkeit, Wertschätzung, Selbstverwirklichung. Älter, hierarchisch strukturiert, aber empirisch umstritten. Populär in der Wirtschaftspsychologie.
Stefanie Stahl (4 Grundbedürfnisse, Buchmodell)
Die Psychotherapeutin Stefanie Stahl greift Grawes Modell in ihren Bestsellern auf, formuliert aber teils anders: Bindung, Autonomie/Kontrolle, Lustgewinn/Unlustvermeidung, Selbstwerterhöhung. Im Kern identisch mit Grawe, aber in populärer Sprache zugänglich.
Für Konfliktmanagement im Team empfehle ich Grawe: Das Modell ist empirisch fundiert, gut operationalisierbar, und jede der vier Dimensionen lässt sich direkt auf Arbeitsplatzsituationen übertragen.
Für Führungskräfte: Grundbedürfnisse als Management-Tool
Wer die vier Grundbedürfnisse kennt, kann Teamkommunikation fundamental verbessern. Hier fünf konkrete Hebel:
- Orientierung schaffen vor Veränderung: Informiere dein Team über anstehende Umstrukturierungen, BEVOR sie im Flurfunk landen. Ein kurzer Zweizeiler reicht.
- Anerkennung öffentlich, Kritik privat: Jede öffentliche Kritik verletzt Selbstwert. Jede privat gehaltene Anerkennung verschenkt ihre Wirkung.
- Rituale für Bindung: Feste 1-on-1s, Team-Mittagessen, kurze Check-ins. Kostet wenig, wirkt stark.
- Unangenehmes aussprechen, nicht wegschieben: Ungeklärte Unangenehmigkeiten kosten dein Team mehr Energie als das kurze Gespräch. Unlustvermeidung wird zum Dauerstress.
- Autonomie geben: Lass Menschen das Wie entscheiden, wenn du das Was vorgibst. Das erfüllt Kontroll-Bedürfnis ohne Kontrollverlust für dich.
Diese fünf Regeln klingen banal, sind aber die häufigsten Führungs-Blindspots, die ich in der Mediation sehe. Wer sie konsequent umsetzt, verhindert 60–70 % aller Teamkonflikte, bevor sie entstehen.
Fazit - erfüllte Bedürfnisse machen Konflikte leichter
Psychologische Grundbedürfnisse spielen eine zentrale Rolle in unserem Konfliktverhalten. Wenn diese Bedürfnisse nicht erfüllt werden, fallen uns Konflikte noch schwerer, als sie sonst schon sind.
Das Bedürfnis nach Lustgewinn und Unlustvermeidung etwa kann zu Prokrastination und Konfliktvermeidung führen, während das Bedürfnis nach Bindung beeinflusst, wie wir Beziehungen pflegen und Konflikte lösen. Die Selbstwerterhöhung wiederum beeinflusst unser Streben nach Anerkennung und Harmonie, während das Bedürfnis nach Orientierung und Kontrolle unsere Reaktion auf Unsicherheit und Veränderungen prägt.
Indem du diese Bedürfnisse (er-)kennst und dir bewusst machst, welche Mechanismen sie auslösen, kannst du dein Konfliktverhalten aktiv verbessern. Weitere Hinweise auf die Hebel, die du dafür hast findest du in meinem Artikel zur Konfliktpsychologie.
Konflikte an der Wurzel packen: Wer die Grundbedürfnisse seines Teams versteht, kann Konflikte lösen, bevor sie eskalieren. Im 8-Wochen-Programm „Ruhe im Karton" entwickelst du genau diese Kompetenz. Mehr erfahren →
Häufige Fragen
Welche 4 Grundbedürfnisse gibt es nach Klaus Grawe?
Die vier psychologischen Grundbedürfnisse nach Klaus Grawe: Bindung (Beziehungen, Zugehörigkeit), Selbstwerterhöhung (Anerkennung, Kompetenz), Lustgewinn und Unlustvermeidung (Angenehmes suchen, Unangenehmes vermeiden) und Orientierung/Kontrolle (Planbarkeit, Selbstwirksamkeit). Alle vier steuern unbewusst dein Verhalten — gerade in Konflikten.
Wie beeinflussen Grundbedürfnisse dein Konfliktverhalten?
Wenn ein Grundbedürfnis verletzt wird, reagierst du automatisch mit Abwehr. Bei bedrohtem Selbstwert wirst du defensiv. Ist die Bindung gefährdet, vermeidest du Konflikte. Bei verletzter Kontrolle entstehen Machtkämpfe. Sobald du die Mechanismen kennst, kannst du bewusster reagieren statt reflexhaft.
Wie erkenne ich, welches meiner Grundbedürfnisse verletzt ist?
Achte auf Situationen, in denen du besonders emotional reagierst. Stich bei Ausgrenzung? Bindung. Sofort defensiv bei Kritik? Selbstwert. Stress bei Unvorhersehbarkeit? Orientierung und Kontrolle. Die stärkste emotionale Reaktion zeigt dir dein dominantes Bedürfnis — und damit deine größte Verletzlichkeit.
Welches Grundbedürfnis steuert welchen Konflikttyp?
Jeder Konflikttyp schützt ein bestimmtes Grundbedürfnis: Der Bulldozer schützt Kontrolle durch Tempo. Die Denkmalpflegerin schützt Kontrolle durch Regeln. Der Wattebäuschchenwerfer schützt Bindung durch Nettigkeit. Die Sprengmeisterin schützt Selbstwert durch Lautstärke. Der kostenlose Konflikttypentest zeigt dir dein Muster in drei Minuten.
Wie unterscheiden sich Grawes Grundbedürfnisse von Maslows Bedürfnispyramide?
Maslow beschreibt hierarchische Bedürfnisstufen (physisch bis Selbstverwirklichung), Grawe vier gleichwertige psychologische Grundbedürfnisse. Grawes Modell ist neuer und empirisch besser belegt, Maslows Pyramide bekannter. Für Konfliktmanagement ist Grawe praktischer, weil sein Modell direkt auf Verhaltensmuster abzielt.
Was passiert im Gehirn, wenn ein Grundbedürfnis verletzt wird?
Das Gehirn interpretiert die Verletzung als akute Bedrohung. Die Amygdala übernimmt, schaltet rationales Denken ab und löst eine Kampf-Flucht-Erstarr-Reaktion aus. Du fühlst dich körperlich aktiviert, obwohl objektiv keine Gefahr besteht. Evolutionär sinnvoll, im Büro selten passend. Mehr in Konfliktpsychologie.
Wie erfülle ich als Führungskraft die Grundbedürfnisse meines Teams?
Fünf Hebel: Frühzeitig informieren (Orientierung), öffentlich loben und privat kritisieren (Selbstwert), feste 1:1-Rituale (Bindung), Unangenehmes klar ansprechen (Unlustvermeidung), Autonomie beim Wie geben (Kontrolle). Wer diese fünf Praktiken konsequent lebt, verhindert einen großen Teil aller Teamkonflikte. Vertiefend im Konfliktmanagementtraining.
