5. Mai 2020

Wann Sie Wirtschaftsmediation lieber bleiben lassen

Wirtschaftsmediation kann nur unter bestimmten Voraussetzungen helfen. Dabei spielen der Zeitpunkt, Machtverhältnisse, Freiwilligkeit und andere Faktoren eine Rolle. Dieser Beitrag widmet sich einerseits der Frage zum Zeitpunkt, zu dem ein Wirtschaftsmediator am besten eingesetzt werden kann, andererseits dem Thema, welche Alternativen es gibt.

Vom richtigen Zeitpunkt und Konfliktabschnitten

Um beurteilen zu können, wann der beste Zeitpunkt für eine Wirtschaftsmediation ist, müssen wir uns mit den Phasen von Konflikten beschäftigen. Zu den Phasen eines Konflikts gibt es unterschiedliche Modelle, eins der am weitesten verbreitete stammt von Friedrich Glasl. In der ursprünglichen Form nennt das Modell neun Stufen, hier wurde zum leichteren Verständnis vereinfacht. Ein zusätzlicher Cluster entsteht durch die Einteilung in drei Abschnitte mit mehreren Stufen, entlang derer die Wahl der Methode vorgenommen werden kann.  Die einzelnen Stufen reichen dabei von der Polarisierung, also dem beginnenden Konflikt, bis zum Abgrund. Mediation ist nicht in jeder Stufe das Mittel der Wahl.


Erster Abschnitt - zu früh, aber...

Zu Beginn, im ersten Abschnitt können Konflikte noch für alle Seiten Gewinn bringen - sie zeichnet sich durch Kooperation und eine win-win Haltung der Beteiligten aus. Der Leidensdruck und die Einsicht der Parteien hält sich in Grenzen und der Konflikt ist noch nicht reif für eine Mediation. Zu diesem Zeitpunkt fühlen sich die Konfliktbeteiligten noch nicht elementar durch das Konfliktgeschehen beeinträchtigt. Gegen Ende des ersten Abschnitts tauchen zunehmend Emotionen wie Ungeduld, Verärgerung, Misstrauen und Entrüstung auf. Hier bieten sich Methoden wie Führung, Coaching und Moderation an. Führungskräfte können ein Konfliktcoaching in Anspruch nehmen, um besser mit ihren und den Konflikten ihrer Mitarbeiter umzugehen. Das alles gilt mit einer Einschränkung: Wenn die Beteiligten sich durch eine Intervention bevormundet fühlen (wo sie den Konflikt doch selber lösen könnten!), ist Fingerspitzengefühl gefragt.

Zweiter Abschnitt - hohe Erfolgswahrscheinlichkeit für Wirtschaftsmediation

Später, im mittleren Abschnitt kommt die Mediation ins Spiel. Die Haltung "nur einer kann gewinnen" manifestiert sich. Die Beteiligten versuchen, andere in den Konflikt hinein zu ziehen, sie bilden im Verborgenen Koalitionen. Enttäuschung und Desillusionierung machen sich breit. Die Strategien verändern sich: Jetzt wird nicht mehr mit Argumenten, die den Konflikt betreffen gearbeitet, sondern die Kritik wird moralisch. Plötzlich wird aus dem ursprünglichen Sachkonflikt ein Beziehungs- und Wertekonflikt ("so kann man sich aber wirklich nicht benehmen", "das ist doch eine verabscheuungswürdige Einstellung", und so weiter). Identität und Werte werden massiv bedroht. Die vorherrschenden Emotionen verändern sich; jetzt ist Verachtung, Verbitterung und Wut zu beobachten. Spätestens zu Beginn der mittleren Eskalationsstufen benötigt der Konflikt Begleitung durch eine neutrale Partei von außen.

Dritter Abschnitt - die totale Eskalation

Im letzten Abschnitt schließlich - Sie ahnen es - droht Vernichtung oder zumindest massive Schädigung einer oder beider Konfliktparteien. Rachedurst und unbändiger Hass treiben die Beteiligten zu Aktionen an, die unwiderruflichen Schaden herbeiführen. Es können niederträchtige Handlungen (bis hin zur Gewalttat) beobachtet werden. Es geht nur noch darum, zu gewinnen. Der Gegner muss vernichtet werden, auch wenn man dabei (beruflich) mit untergeht. Selbst wenn Sie selber das Glück haben, noch nie an einem solchen Konflikt beteiligt gewesen zu sein, dann haben Sie sicher schon dabei zugesehen, mit was für einer Energie solche Kämpfe ausgetragen werden. Gelöst werden sie mit einem Machteingriff, durch ein (Schieds-) Gericht oder Schlichtung.

Gibt es den perfekten Zeitpunkt?

"Im mittleren Abschnitt", werden Sie jetzt sagen. Korrekt, trotzdem kann der Mediator im ersten und letzten Abschnitt ebenso zum Einsatz kommen- unter ganz bestimmten Voraussetzungen.

In der ersten Phase gibt es keinen Bedarf, der Mediator kann jedoch als Konfliktcoach zur Lösung beitragen. Dabei erarbeitet er mit dem Klienten mögliche Strategien. Das Ergebnis können beispielsweise Führungstaktiken, Elemente der Gesprächsführung und des Settings sein. Der Verantwortliche wird dabei unterstützt, den Konflikt möglichst gewinnbringend zu lösen.

In der dritten Phase wird es etwas kniffliger. Im Prinzip ist es zu spät, wenn Sie bereits Mordgedanken hegen. Die Frage ist trotzdem, ob die kurzfristige (tiefe!) Befriedigung rachsüchtiger Vergeltungsaktionen ihre Auswirkungen rechtfertigt. Sie treffen den Gegner später anderswo und haben vielleicht plötzlich schlechtere Karten oder Sie sind in irgendeiner Form auf Kooperation angewiesen und bekommen sie nicht (mehr). Künftige Geschäfts- und Netzwerkpartner haben sehr feine Antennen, was weitere Benachteiligungen nach sich ziehen kann. Was kann jetzt noch helfen?

Die gute - und in diesem Fall einzige - Nachricht lautet: Die Gesprächsbereitschaft kann in manchen Fällen wieder hergestellt werden. Welche Form der Begleitung dafür die Richtige ist, hängt von mehreren Faktoren ab. Anhaltspunkte gewinnen wir dafür aus der Konfliktgeschichte, den persönlichen Präferenzen und den Hintergründen der Konfliktparteien. Der Mediator kann beispielsweise Einzelgespräche führen und die Motive und Interessen der Beteiligten herausarbeiten. Dabei kann erörtert werden, unter welchen Bedingungen eine Aufnahme der Konfliktbearbeitung möglich wäre und ob diese Bedingungen hergestellt werden können.

Hilfreiche Fragen, die Sie sich auch selber stellen können, sind: Was will ich und was bringt mir das? Was kann ich beitragen, um wieder verhandlungsfähig zu werden? Was passiert, wenn ich mein Verhalten nicht ändere? Kann ich damit leben? Und wenn das alles nicht hilft: Was ist das kleinere Übel?

Sollten Sie bei all dem Unterstützung brauchen, bin ich gerne für Sie da.

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Tags

Anwendung, Chancen, Wirtschaftsmediation


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